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Wir stehen erst am Anfang der Debatte
Psychologen greifen in aktuelle Missbrauchs-Diskussion ein
Psychologinnen und Psychologen befassen sich mit dem Thema Missbrauch zum
Teil als Therapeuten, zum Teil als Schulpsychologen, als pädagogische und
Sozialpsychologen. Aus aktuellem Anlass führte die Chefredakteurin von "report
psychologie", der Fach- und Mitgliederzeitschrift des Berufsverbandes Deutscher
Psychologinnen und Psychologen ein Gespräch mit dem Vizepräsidenten
des BDP, Laszlo Pota sowie Stefan Drewes* und Prof. Siegfried Preiser*.
Schaut man auf die in den vergangenen Wochen bekannt gewordenen Missbrauchsfälle,
dann entsteht der Eindruck, Missbrauch habe es in einer bestimmten Phase gegeben,
davor kaum und danach nicht mehr oder in viel geringerem Umfang. Und wenn man
einzelnen kirchlichen Würdenträgern folgt, dann sowieso erst nach
der sexuellen Revolution. Wie sehen Sie das?
Laszlo Pota: Ein Blick in die Geschichte genügt, um das zu widerlegen.
Päpste,
Kaiser, Könige und Adlige hatten ein Recht auf Missbrauch in Form der Entjungferung
von Mädchen. Grausamste Arten von sexueller Gewalt hat es auch bei Kreuzzügen
und Kriegen gegeben – teils aus religiösen Gründen, teils aus
Siegermentalität heute noch. Nicht nur in der Katholischen Kirche wurde "das
Weib" über Jahrhunderte gleichgesetzt mit Sünde und Verführung
und damit dem Missbrauch Vorschub geleistet. In manchen Kulturen gelten Mädchen
bis heute als minderwertig. Kinder werden als Besitz betrachtet, mit denen
alles gemacht werden kann. Mit sexueller Revolution hat das nichts zu tun.
Als Täter werden fast ausnahmslos Männer ausgemacht. Zufall oder
statistisch erwiesen?
Pota: Früher waren die Täter meist Erwachsene und meist Männer.
Auch heute ist die Mehrheit der Täter männlich. Allerdings registrieren
wir immer häufiger auch Jugendliche als Täter, darunter auch Mädchen.
Für viele Menschen ist unverständlich, warum Missbrauchte schweigen,
oft über Jahrzehnte. Worin sehen Sie die Ursachen?
Laszlo Pota: Früher wurden Betroffene oft als "selber Schuld" oder "Lügner"
dargestellt. In manchen Kulturen bedeutete die Vergewaltigung sogar ein Todesurteil,
also schwiegen geschändete Frauen. Heute fehlen den Betroffenen vertraute
Gesprächspartner. Durch Trennungen und Scheidungen löst sich der
Familienverbund immer schneller auf; Kinder und Jugendliche haben oft keinen
mehr, der in ihren Augen stets zu ihnen steht und auf alles eine Antwort weiß.
Unsere egomane Gesellschaft schaut oft nur oberflächlich hin und registriert
erst viel zu spät Signale und stumme Hilferufe.
Stefan Drewes: Kinder erleben zumeist sich selbst als schuldig an dem Missbrauch,
da die erwachsene Vertrauensperson nicht "schlecht" sein kann. Oft
definieren sie das Geschehene aber auch nicht als Missbrauch. Ein ungutes Gefühl
wird zwar wahrgenommen, lässt sich aber nicht eindeutig definieren.
Je nachdem, mit wie viel Gewalt der Missbrauch verbunden war, verblasst die
Erinnerung langsam oder wird stark mit Scham besetzt. Bei Jungen kommt zudem
das Bestreben in der Pubertät hinzu, sich selbst als stark zu erleben.
Schwächen werden als erheblicher Verlust der eigenen Autonomie und des
Selbstbewusstseins erlebt.
Siegfried Preiser: Eine Ursache sehe ich auch in der Erfahrung oder der Angst,
nicht ernst genommen zu werden, als "beschmutzt" zu erscheinen oder
gar als Mit-Täter beschuldigt zu werden. Diese Angst ist berechtigt aufgrund
von zwei Mechanismen: 1. Das Streben nach kognitiver Konsonanz. Das bedeutet:
Informationen, die nicht zum bisherigen Bild, in diesem Fall der positiven Meinung über
Lehrer, Pfarrer, Reformschulen und Kirche passen, werden ignoriert, abgewehrt
oder als unglaubwürdig abgestempelt, damit das konsistente Weltbild nicht
zerstört wird. 2. Der Glaube an eine gerechte Welt: Viele Menschen sind überzeugt,
dass es auf der Welt letzten Endes gerecht zugehen muss. Wenn sie nun Zeugen
einer Ungerechtigkeit werden und dem Opfer nicht (mehr) helfen können,
tendieren sie dazu, dem Opfer eine Mitschuld zu geben ("blaming the victim"),
weil dann die subjektiv wahrgenommene Ungerechtigkeit nicht mehr so groß ist.
Wie schwierig ist es für Opfer, geschätzte Vorbilder einerseits
anzuerkennen, ja zu idealisieren und sie dann als Täter zu erleben? Welche
Folgen kann das haben?
Drewes: Hier liegt die besondere Problematik des Missbrauchs in pädagogischen
Abhängigkeitsverhältnissen. Der Erwachsene wird als besondere Vertrauensperson
wahrgenommen und bewundert. In den aktuell diskutierten Fällen kam es gerade
in sehr vertrauten pädagogischen Beziehungen zu Übergriffen, die durch
eine große Nähe entstanden sind. Gerade in intensiven pädagogischen
Beziehungen mit einem Abhängigkeitsverhältnis und der Erwartung an
den Erwachsenen, sich ganz einzulassen und eigenes Leben zurückzustellen,
besteht die Gefahr, dass es zu Missbrauch ohne direkte Gewalt kommt. Gerade
in solchen Konstellationen braucht es emotional starke Erwachsene, die eine
professionelle Distanz leben können.
Pota: Die Täter sind ganz selten Fremde, in den meisten Fällen
besteht ein Vertrauensverhältnis, das ein Erkennen der Gefahr erschwert.
Bis zuletzt wird dem Täter und gleichzeitig womöglich wichtigsten
Menschen eine solche Ungeheuerlichkeit nicht zugetraut. Gerade das aber macht
das Erlebte zum "zum Nicht-Geschehenen"
auch in der eigenen Gedankenwelt. Folgen sind Rückzug, Zweifel an sich
Selbst, Trauer und Wut, die aber in sich hineingefressen wird.
Woraus erwächst das Gefühl eigener Schuld oder Mitschuld, von
dem Missbrauchsopfer sprechen?
Drewes: Der Erwachsene wird als unfehlbar und von allen anderen bewundert
gesehen - oft auch von den Eltern des Kindes. Das Kind fühlt sich ausgewählt
von diesem besonderen Menschen. Dieser Mensch kann eigentlich nichts Falsches
tun, somit muss das Kind selbst Schuld tragen und diesen zu seinem Handeln verführt
haben. Im Erwachsenenalter müssen betroffene Kinder meist erst lernen,
das Erlebte als Missbrauch zu definieren.
Preiser: Dies Gefühl erwächst m.E. aus der Erkenntnis, Befriedigung
der Neugier, des Zuwendungs- und Anerkennungsbedürfnisses erfahren zu haben,
vielleicht auch sexuelle Lust. Der Missbrauchte empfindet Scham darüber,
nicht stark genug in der Abwehr gewesen zu sein, sich emotional bzw. aus Angst
verstrickt zu haben.
Wer ist besonders gefährdet ein Opfer zu werden?
Preiser: Kinder mit Defiziten in der Zuwendung und Anerkennung, Kinder mit
niedrigem Selbstbewusstsein und Kinder, die nicht NEIN zu sagen gelernt haben,
sind besonders häufig betroffen.
Pota: Das sehe ich genauso. Es sind junge Menschen, die wenig Selbstbewusstsein
haben, ängstlich und unsicher sind. Ihnen fehlt Halt durch Angehörige
oder Freunde; nicht selten haben sie bereits Gewalt erfahren.
Wie wichtig ist es, Kinder das Nein-Sagen zu lehren?
Drewes: Nein-sagen, wenn es notwendig ist und nein-sagen in einer angemessenen
Form – das müssen Kinder lernen. Eltern müssen das dann aber
auch zulassen. Nein-sagen kann nämlich auch einmal heißen: Nein zu
Hausaufgaben. Es geht darum, dem eigenen Bauchgefühl zu trauen und nicht
alle Erwartungen erfüllen zu wollen.
Pota: Wichtig ist es, einen jungen Menschen von klein auf die Chance zu geben,
ein emanzipiertes, selbst- wie mitverantwortlich handelndes Mitglied der
Gesellschaft zu werden. Dazu brauchen Kinder eine behütete und gleichzeitig
freie Atmosphäre, klare Normen und Werte. Dazu gehören auch das NEIN
und auch das GEHT NICHT bis zur Abwehr.
Wem vertrauen sich Missbrauchsopfer am ehesten an? Über welche niedrigschwelligen
Angebote müsste man deshalb nachdenken? (interessant ist für mich,
dass viele mit Mitschülern geredet haben, das aber ohne Folgen blieb)
Preiser: Ansprechpartner sind häufig Freundinnen und Freunde, Mitschüler
oder Geschwister. Deshalb brauchen wir niedrigschwellige Angebote nicht nur
für Opfer, sondern auch für Mitschüler und Lehrkräfte. Ich
kann mir eine Anlaufstelle analog den Streitschlichtermodellen vorstellen.
Drewes: Es bedarf einer Kette von Ansprechmöglichkeiten: Freunde und
Freundinnen, die wiederum selber Ansprechpersonen haben in Form von Beratungslehrern
und Schulsozialarbeitern, außerdem Schulpsychologen - sowohl schulnah
als auch schulextern. Und auch spezialisierte Beratungsstellen, die auch anonym
beraten und forensisch Beweise sichern können. Aber auch Aufklärung über
Internet-Pädophilie.
Pota: Ich arbeite in einer Fachklinik für suchtkranke Kinder und Jugendliche.
Fast immer gehören Gewalt, sexuelle Übergriffe, Missbrauch oder Vergewaltigung
zu den Ursachen für die Sucht. Erst in der Therapie bei der Aufarbeitung
der Anamnese werden diese Themen in einem vertrauensvollen Schonraum angesprochen.
Es ist wichtig, den Betroffenen einen akzeptierenden und vertrauensvollen wie
tragenden Beziehungskontext anzubieten.
Einige Opfer haben die Abwendung von der eigenen Familie als eine Folge
des Missbrauchs geschildert. Ist das typisch?
Pota: Angehörige werden oft selbst mit dem Erzählten nicht fertig.
Auch für sie war der Täter häufig eine Vertrauensperson, und
sie plagen sich mit Schuldvorwürfen, das Kind ihm/ihr anvertraut zu haben.
Diese Reaktion sind zum eigenen Schutz verständlich, für Betroffene
jedoch fatal.
Welche Symptome belasten Opfer noch Jahre, wenn nicht lebenslang?
Drewes: Neben den vielen möglichen Symptomen möchte ich vor allem
die Unfähigkeit nennen, sich auf tiefe Beziehungen einzulassen und Vertrauen
aufzubauen. Bei betroffenen Jungen oft auch die Unfähigkeit, Nähe,
insbesondere zu männlichen Bezugspersonen, überhaupt zuzulassen.
Pota: Jede Art von Gewalt und erst recht Missbrauch führt zu Traumata,
die ein Leben lang nachwirken und Symptome wie z. B. Alpträume, Schlaflosigkeit,
Angstattacken, Verunsicherungen, Panik vor Nähe, sexuelle Probleme, Essstörungen,
Kontakt- und Beziehungsstörungen, Leistungsstörungen, Selbstzweifel
auslösen und bis zum Suizid führen können.
Durch die vielen Fälle, die in den vergangenen Wochen bekannt geworden
sind, entsteht im Moment der Eindruck, kirchliche Einrichtungen seien besonders
stark betroffen. Aber geht es nicht vielmehr um bestimmte Räume, in denen
besondere Nähe existiert, wie in der Familie, aber eben auch in Internaten,
Landschulheimen, pädagogische Inseln, Sportvereine u.ä., wo Lehrer
nicht nur Wissensvermittler, sondern Kameraden sind?
Preiser: Ja, deshalb muss professionelle Nähe durch klare Regeln,
(wie in der Psychotherapie) und durch Transparenz abgesichert werden. Und offenbar
liegt hier eine Aufgabe für Pfarrer- und Lehrerausbildung vor.
Drewes: Überall dort, wo es zu großer körperlicher oder emotionaler
Nähe kommt und wo es pädagogisches Konzept ist, dass der Erziehende
sein Privatleben soweit wie möglich aufgibt und eigene Bedürfnisse
zurückstellt. Außerdem dort, wo Personen in pädagogische Verantwortung
kommen, die emotional wenig stabil sind, ihre sexuelle Orientierung nicht geklärt
haben oder aus Machtbedürfnis Abhängigkeitsbeziehungen ausnutzen und
zudem wenig vor- oder ausgebildet sind. Die Einflussmöglichkeit durch ihre
Position verführt dann leicht. Hierbei denke ich besonders an den Sportbereich.
Pota: In allen Bereichen, wo eine besondere Vertrautheit herrscht, kann es
zu Missbrauch kommen. Deshalb sind offene und emanzipierte bzw. tragfähige
Beziehungen so wichtig, die haltbar und überprüfbar und von außen
transparent bzw. einsehbar sein müssen.
Wie erklären Sie die mangelnde Lobby für Kinder in unserer Gesellschaft?
Immerhin hatten wir bis in die 70er Jahre noch die Prügelstrafe; im Elternhaus
noch länger, und heute zögert der Gesetzgeber, gegen "traditionelle
Gewalt" in Migrantenfamilien vorzugehen. Wieso wurden über so lange
Zeit Erwachsene geschützt auf Kosten von Kindern - der berühmte Schulleiter,
der geachtete Priester bzw. Lehrer versus die missbrauchten Schüler mit
angeblich zu viel Phantasie?
Preiser: Es ist ein langer, mühsamer Prozess, überkommene Erziehungseinstellungen
und -praktiken zu überwinden. Kinder sind weder Produktionsfaktor noch
wahlentscheidender Faktor. Weder Wirtschaft noch Politik haben ein unmittelbares
Interesse, Lobby für Kinder zu sein - zumal wenn sich das gegen Eltern
und Erzieher richten würde.
Drewes: Ich sehe das nicht so. Kinder haben eine starke Lobby. Aber
auch wir Erwachsenen suchen nach Vorbildern, Personen, zu denen wir aufsehen
können, die fehlerfrei sind, die uns Sicherheit und Orientierung geben.
Dabei schauen wir leider häufig nicht hinter die Kulissen oder wollen die
nicht wahrhaben, was sich dort offenbart.
Pota: Meines Erachtens hatten Kinder auf dieser Welt nie eine starke Lobby,
im Gegenteil. Wir kaufen Textilien, die Produkt von Kinderarbeit sind,
wir pflegen Beziehungen zu Ländern, in denen es Kindersoldaten gibt,
Scharen von Sextouristen bedienen sich Jugendlicher und Kinder wie im Supermarkt.
Brauchen wir neben der verstärkten Unterstützung für Opfer
auch mehr Angebote für potenzielle Täter?
Pota: Unbedingt. Projekte wie das für Pädophile an der Charité müsste
es in vielen Städten geben. Statt zu warten, bis jemand zum Täter
wird und man ihm dann in Haft eine Therapie anbietet, sollte vielmehr präventiv
gearbeitet werden. Das beginnt allerdings bereits bei auffälligen Jugendlichen,
die andere quälen. Auch für sie haben wir viel zu wenige therapeutische
Möglichkeiten. Sie müssen als Erwachsene nicht zu Tätern werden,
aber einige werden es, wenn sie keine Chance bekommen, ihre eigene oft gewaltbeladene
Lebensgeschichte aufzuarbeiten.
Sollte der BDP, der bisher diesbezüglich nicht angesprochen wurde,
aktiv werden, was die Teilnahme an dem geplanten Runden Tisch betrifft?
Pota: Der Runde Tisch hat mit seiner Arbeit begonnen. Ich halte es für
unbedingt notwendig, in die Beratungen themenbezogen Psychologen einzubeziehen.
Dafür steht der BDP zur Verfügung.
Das Verhalten in einigen Einrichtungen grenzt für mich an institutionalisierten
Machtmissbrauch. Erkennen Sie Ansätze für eine mutige widerständige
Gegenströmung z.B. in der Kirche?
Preiser: Ja, Bewegungen wie "Wir sind die Kirche" / "Kirche
von unten", aber auch viele Gemeinden, Pfarrer und einzelne Bischöfe.
Drewes: Dort, wo Menschen idealisiert und generell durch ihre Rolle erhöht
und überhöht werden, besteht m. E. die Gefahr des Machtmissbrauchs.
Ich denke, dass bestimmte Strukturen Missbrauch verstärkt möglich
machen.
Welche Möglichkeiten sehen Sie, bereits bei der Personalauswahl -
sowohl bei Priestern als auch im Bereich Schule - präventiv tätig
zu werden? Das Berliner Canisius-Kolleg will bis Jahresende Handlungskonzepte zur
Prävention und Intervention vorlegen; inwiefern könnten Psychologen
daran sínnvoll mitwirken?
Drewes: Sicher bei der Auswahl aber sicher noch mehr bei der Begleitung und
Supervision. Warum ist Supervision für Priester nicht verpflichtend? Oder
anders: Warum haben wir als Verband das bisher nur für Lehrer und nicht
auch für Priester gefordert? Wir müssen uns fragen, ob das für
uns bisher auch "Heilige" waren.
Lernen künftige Lehrer/Erzieher genug über die Risiken von Nähe, über
die Notwendigkeit, Nähe und Distanz auszubalancieren?
Drewes: Nein, auch hier kann dies nur über eine begleitende Supervision
z.B. für Berufsanfänger erfolgen, um ihre Rolle zu finden und die
richtige Nähe und Distanz auszubalancieren.
Der Erzbischof von Wien hat jetzt angeregt, eine stärkere Ursachenforschung
zu betreiben bezogen z.B. auf die Wirkungen des Zölibats, die Persönlichkeitsentwicklung
und Ausbildung von Priestern. Welche Forschungen gibt es denn bisher?
Drewes: Ich kenne keine. Es wird Zeit, sich diesem Thema zuzuwenden.
Worin sehen Sie die Ursache für die Häufung von jetzt bekannt
gewordenen Fällen des Missbrauchs von Jungen?
Preiser: Jungen sind als häufige Opfer familiären Missbrauchs in
der Wissenschaft schon länger bekannt, werden aber in der Öffentlichkeit
als nicht so oder gar nicht problembelastet wahrgenommen. In den Probleminstitutionen, über
die derzeit vor allem berichtet wird, sind Ministranten und Sängerknaben überrepräsentiert,
möglicherweise auch in den Internaten, aber dazu liegen mir keine Statistiken
vor. Auf der Gegenseite finden sich möglicherweise vermehrt Personen mit
problematischer Sexualentwicklung und Defiziten in der familiären Bindung.
Ich unterstelle nicht, dass die Institutionen das fördern, aber dass sie
anziehend für problembelastete Personen sind. Das muss bei Auswahl und
Ausbildung verstärkt berücksichtigt werden.
Drewes: In der Öffentlichkeit besteht m.E. noch kein Verständnis
für die Problematik des Missbrauchs bei Jungen. Dies aus jetzt gegebenem
Anlass stärker zu thematisieren, halte ich für wichtig.
Pota: In der Erziehung von Jungen gilt oft der Spruch "Ein Indianer kennt
keinen Schmerz". Sie haben es daher noch schwerer als Mädchen, sich
mit einer Sache, die besonders weh tut, anderen anzuvertrauen. Außerdem
ist unsere Gesellschaft bei Vergewaltigungen und Missbrauch auf der gleichgeschlechtlichen
Ebene schnell dabei, das Opfer abzustempeln und zu diskriminieren. Wenn darüber
jetzt offener gesprochen wird, dann ist das ein Fortschritt.
Tritt der Verband für eine Verlängerung der Verjährungsfrist
bei Missbrauch ein?
Preiser: Von (politischen) Traumatisierungsopfern wissen wir, wie wichtig
für sie die öffentliche Aufarbeitung von Schuld ist (nicht zwingend
die Bestrafung). Selbst wenn die Verjährungsfristen nicht verlängert
werden, muss es möglich bleiben, auch lange zurückliegende Fälle
aufzuarbeiten
Wie erklären Sie das Bekanntwerden einer solchen Vielzahl von Fällen
jetzt? Hat das möglicherweise mit dem Internet zu tun als einem Ort, wo
eine neue Form der Diskussion tabuisierter Themen möglich wird? Ist das
ohne Einschränkung zu begrüßen?
Preiser: Neue Kommunikationsmöglichkeiten erleichtern die Kommunikation;
das ist zu begrüßen. Allerdings auch für Vielschwätzer
und Denunzianten; hier liegen sicherlich Gefahren.
Drewes: Dies ist tatsächlich einmal ein positiver Effekt der Medien und
der neuen Medien. Viele trauen sich nur deshalb zu sprechen, weil es auch andere
tun und weil sie es endlich für wichtig finden, dies öffentlich zu
machen. Bisher scheint es auch noch kein Mitnahmeeffekt zu sein, Entschädigungszahlungen
zu erhalten.
Pota: Ich begrüße die offene Diskussion im Internet, aber damit
ist bestenfalls ein Anstoß geleistet. Die eigentliche Debatte über
Gewalt in unserer Gesellschaft,
über Strukturen, über den Umgang miteinander, über die Aufmerksamkeit,
die wir Kindern widmen und ihren Anspruch auf Zuwendung, Versorgung, Erziehung
und Reifung ernst nehmen, müssen wir noch in vielen Bereichen führen.
Das Gespräch führte Christa Schaffmann.
* Stefan Drewes ist Vorsitzender der BDP-Sektion Schulpsychologie, Prof. Siegfried
Preiser Vorsitzender der Sektion Politische Psychologie.
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