Fachtag zum Umgang mit behinderten Kindern und Jugendlichen in der DDR
Am 19. November 2024 lud der Landesbeauftrage Mecklenburg-Vorpommerns für die Aufarbeitung der SED-Diktatur unter dem Titel „Sozialstaat DDR? Der Umgang mit behinderten Kindern und Jugendlichen zu einem Fachtag nach Schwerin ein. In der Veranstaltung wurde sich intensiv mit dem Umgang mit behinderten Kindern und Jugendlichen in der DDR auseinandergesetzt
Am Fachtag zum Thema „Umgang mit behinderten Kindern und Jugendlichen in der DDR“ wurde ein kritischer Blick auf ein oft verklärt dargestelltes Kapitel der deutschen Geschichte geworfen. Trotz des Images der DDR als sozialer Vorzeigestaat mit einem umfassenden Bildungs-, Sozial- und Gesundheitssystem offenbarte die Veranstaltung die Schattenseiten eines Systems, das Menschen mit Behinderungen systematisch diskriminierte und marginalisierte.
Die DDR und das Bild vom Sozialstaat
Das Selbstverständnis der DDR basierte auf dem Anspruch, ein Staat der sozialen Gerechtigkeit zu sein, in dem Bildung und Gesundheit allen gleichermaßen zugutekommen sollten. Doch der Umgang mit behinderten Kindern und Jugendlichen zeigt, dass die sozialistische Rhetorik von Inklusion und Chancengleichheit oft nicht der Realität entsprach. Der SED-Staat betrachtete Menschen häufig durch das Prisma ihrer „Nützlichkeit“ für die Gesellschaft. Wer den Anforderungen der sozialistischen Produktionsgesellschaft nicht genügte, wurde ausgegrenzt.
Diskriminierung und Ausschluss
Insbesondere Kinder und Jugendliche mit körperlichen oder geistigen Behinderungen wurden benachteiligt. Der Zugang zu Bildung und Förderung war stark eingeschränkt, sofern die Betroffenen nicht in der Lage waren, später einen Beitrag zur Volkswirtschaft zu leisten. Diese als „nicht arbeitsfähig“ Eingestuften wurden in Sonderschulen, Internate oder Pflegeheime abgeschoben, die oft nicht den notwendigen Standards entsprachen. In einigen Fällen waren die Lebensbedingungen dort katastrophal. Es mangelte an Fachpersonal, angemessener Förderung und individueller Zuwendung.
Verletzung der Menschenwürde
Ein zentrales Thema des Fachtages war die systematische Verletzung der Würde behinderter Menschen. Durch die Konzentration auf ökonomische Verwertbarkeit wurden diese Kinder und Jugendlichen nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkannt. Stattdessen erfuhren sie Ablehnung und wurden häufig unsichtbar gemacht. Familien, die behinderte Kinder zuhause betreuten, wurden nicht ausreichend unterstützt, was oft zu Isolation und Überforderung führte.
Fazit und Ausblick
Der Fachtag verdeutlichte, dass der Umgang mit behinderten Menschen in der DDR ein blinder Fleck in der gesellschaftlichen Aufarbeitung ist. Die Diskussion um das vermeintlich „vorbildliche“ Sozial- und Bildungssystem der DDR muss vor diesem Hintergrund differenziert betrachtet werden. Es bleibt die Aufgabe, die Schicksale der Betroffenen sichtbar zu machen und ihre Erfahrungen in die Erinnerungskultur einzubeziehen. Nur so kann ein umfassendes Bild von der DDR-Gesellschaft gezeichnet werden, das auch ihre systembedingten Ungerechtigkeiten und Ausgrenzungen reflektiert.
Hans-Jürgen Papenfuß